Legenden: Marc Meneau

Marc Meneau gründete mit seinem 3-Sterne-Restaurant L’Espérance eine der schillerndsten Kulinarikinstitutionen Frankreichs, deren illustre Gäste von mehreren französischen Staatspräsidenten über Helmut Kohl bis zur Queen reichten.
Juli 8, 2021 | Text: Lucas Palm | Fotos: beigestellt

Die Kochkunst sei nichts als Verführung. „Sie ist Sex“, so Marc Meneau in fortgeschrittenem Alter unumwunden. „Und sie erreicht ihren Höhepunkt erst, wenn der Mann oder die Frau zum anderen sagt: ‚Ich liebe dich. Ich liebe dich für das, was du mir zu essen gibst. Für das, was du mir noch geben wirst, und auch für das, was du mir bereits gegeben hast.“

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Zugegebenermaßen: Diese Sätze sprach Meneau mit dem einen oder anderen Glas Weißem Burgunder im Blut. Aber in vino bekanntlich veritas, und wenn es eine letzte Wahrheit über Marc Meneaus Leben gibt, dann diese: Nur wenige haben es über mehrere Jahrzehnte geschafft, aus einer so kompromisslosen, ja oft geradezu überbordenden Sinnlichkeit ein Lebenswerk zu schaffen, das die kulinarische Landschaft Frankreichs dermaßen geprägt hat wie sein legendäres Restaurant L’Espérance im burgundischen Saint-Père.

Wer war er, dieser Getriebene, für den die große Kochkunst eine unzähmbare Widerspenstige war? Der mit drei Sternen ein ganzes Dorf in eine kulinarische Pilgerstätte verwandelte? Und der mit prägenden Gerichten wie Cromesquis – eine Art von Kroketten – aus Foie gras, Austern in Meereswasser-Gelee oder auch dem Steinbutt mit Hühnerjus die kulinarische Grande Nation prägte wie nur wenige vor und nach ihm?

Marc Meneau: Die goldenen Jahre

1943, im von Krieg gebeutelten Frankreich geboren, wächst der kleine Marc im burgundischen Dörfchen Saint-Père auf, das er nie lange verlassen wird. Der einzige nennenswerte Abstecher ist das elsässische Straßburg, wo der Teenager eine Ausbildung in der Hotelfachschule Lycée hôtelier de Strasbourg beginnt. Zurück in den heimatlichen Gefilden, übernimmt der gerade einmal 22-Jährige das kleine Lebensmittelgeschäft samt integriertem Café von seiner Mutter Marguerite. An seiner Seite: die Frau seines Lebens, Françoise, Tochter eines burgundischen Gastronomen. Sie befeuert, teilt und unterstützt die Leidenschaft ihres Mannes, der sich wie ein Besessener hinter eine Unmenge altehrwürdiger Kochbücher klemmt. Sie sind es, die seinen Ruf als Kenner, Verfechter und Spezialist der alten französischen Küche begründen, die Meneau behutsam erneuert.

Sechs Jahre nach der Übernahme des elterlichen Lebensmittelgeschäftes erstrahlt der erste Michelin-Stern über dem rustikalen, recht dunklen Lokal. Für Meneau ist von da an klar: Er will mehr. Also siedelt er sein Restaurant in eine unweit gelegene Immobilie um, die er l’Espérance nennt, zu Deutsch: die Hoffnung. 1975 erhält Meneau den zweiten Stern, 1983 den dritten – neben 19 Punkten im Gault Millau. Helmut Kohl, François Mitterrand und so gut wie jeder seiner Nachfolger, die englische Queen, die Nixons – alle waren sie Meneaus Gäste.

Die Hoffnung, die zuletzt stirbt

1999 verliert Meneau den dritten Stern, holt ihn sich jedoch 2004 wieder. Drei Jahre später, im Januar 2007, fangen wirtschaftliche Probleme an, von denen sich das Haus nie wieder ganz erholen wird. Der Guide streicht die Bewertung des Hauses gar für die kurz danach erscheinende 2007er-Ausgabe. Zwar ist das L’Espérance in der 2008er-Ausgabe der scharlachroten Küchenbibel wieder mit zwei Sternen bewertet, doch die Verschuldung von Meneaus Kulinarik-Besessenheit beträgt im Jahr 2015 satte sieben Millionen Euro – womit seine kulinarische Pilgerstätte ihre Pforten schließen muss. Sein alter Freund Alain Ducasse eilte ihm wirtschaftlich zur Hilfe, doch der Tod Marc Meneaus am 9. Dezember vergangenen Jahres setzte den endgültigen Schlussstrich unter die prägende Geschichte des L’Espérance. Marc Meneau wurde 77 Jahre alt.

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1943 geboren, wächst Marc Meneau im burgundischen Örtchen Saint-Père auf. Nach einem kurzen Abstecher in die Hotelfachschule in Strasbourg übernimmt er mit gerade einmal 22 Jahren das kleine Lebensmittelgeschäft samt integriertem Café von seiner Mutter Marguerite. Sechs Jahre nach Eröffnung erhält Meneau den ersten Stern. Er siedelt das Restaurant in eine nahe gelegene, neue Immobilie um, nennt es L’Espérance und erhält 1983 drei Sterne. Helmut Kohl, François Mitterrand und so gut wie jeder seiner Nachfolger, die englische Queen, die Nixons – alle waren sie Meneaus Gäste. Wegen finanzieller Probleme musste das Restaurant 2015 schließen. Marc Meneau starb am 9. Dezember 2020.

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