WINE.DAYS: Wir müssen über Reben reden

Rotzig statt anbiedernd. Mutig statt demütig. Und alles stets mit einer Geht-nicht-gibt‘s-nicht-Attitüde versehen. Bei den allerersten WINE.DAYS präsentierte sich die internationale Weinelite von ihrer knackig-ehrlichen Seite: Tabuthemen wurden debattiert und gänzlich neue Kostzugänge ausprobiert. Also kredenzen wir hier eine besondere „Weinlese“.
Februar 3, 2022 | Text: Lucas Palm & Johannes Stühlinger | Fotos: Gerd Tschebular, Bobbys Agency, Helge Sommer

Schon einmal etwas von alkoholfreiem Sparkling Tea gehört? Oder vom Sommeliertitel Sake-Samurai? Und zum Drüberstreuen: Ja, „alkoholfrei“ wird in der Weinbegleitung tatsächlich Trend! Wir befinden uns inmitten der ersten WINE.DAYS.

Wine Days
Was da alles drinsteckt: Sommelier-Legende und WINE.DAYS-Host Gerhard Retter (li.) und das Enfant-Terrible der Spitzensommellerie, Justin Leone (re.), kamen auf der WINE.STAGE vom Hundertsten ins Tausendste.

Schon einmal etwas von alkoholfreiem Sparkling Tea gehört? Oder vom Sommeliertitel Sake-Samurai? Und zum Drüberstreuen: Ja, „alkoholfrei“ wird in der Weinbegleitung tatsächlich Trend! Wir befinden uns inmitten der ersten WINE.DAYS.

Wine Days
Was da alles drinsteckt: Sommelier-Legende und WINE.DAYS-Host Gerhard Retter (li.) und das Enfant-Terrible der Spitzensommellerie, Justin Leone (re.), kamen auf der WINE.STAGE vom Hundertsten ins Tausendste.

Eine neue Veranstaltungsserie, die irgendwo zwischen Fachtagung, gigantischer Verkostung und Experten-Showdown zu verorten ist. Und vor allem eines zum Ziel hat: Die Größen der Weinwelt an einem Ort zu vereinen und so einen Austausch möglich zu machen, der weit über das Fachsimpeln hinausgeht, wie der Gründer und CEO des Rolling Pin, Jürgen Pichler, betont: „Es geht vor allem darum, Wissenstransfer zwischen jungen Coolen, erfahrenen Großen und neugierigen Newcomern möglich zu machen.“

Es sollen also alle voneinander profitieren. Dazu gehört freilich, dass jeder gänzlich ohne Vorurteile an die Sache herangeht. Doch wie sich auf den ersten Blick, den man durch die Messehalle in Graz schweifen lässt, herausstellt, besteht diese Gefahr nicht: Champagner wird neben Pet Nat verkostet. Der Franzose neben dem steirischen Natural und die roten Burgenländer scherzen mit ausgewiesenen Frankreich-Enthusiasten. Kurz gesagt: das perfekte Terroir für große Weingesten!

Ausreden wie ich rieche sowieso nichts oder ich dachte, Wein wird aus Trauben gemacht, lasse ich nicht durchgehen!
Top-Sommeliére Rosa Besler

Achtung: ganze neue Show

Und dieses will wahrlich genutzt werden, gibt der Moderatore der WINE.DAYS gleich mit hochtrabenden Worten den offiziellen Startschuss: „Wir treten an, um die WINE.DAYS zum spannendsten und inspirierendsten Sommelier-Summit Österreichs zu machen!“ Host und Moderator Gerhard Retter ist nicht nur selbst ein ausgewiesener Fachmann, sondern auch ein Mann der starken Worte. Deshalb weiß  nun auch gleich jeder Gast, wer schon bald von ihm auf der Bühne begrüßt werden wird: Alexander Koblinger zum Bespiel. Einer von nur drei Österreichern – und der einzige in  Österreich tätige Sommelier –, der beim renommierten Court of Master Sommeliers den prestigeträchtigen Titel Master Sommelier holte. Oder Justin Leone, das charismatische Enfant terrible der deutschsprachigen Weinwelt. Außerdem noch …

Was hat dieser Syrah?

… während ein Name nach dem anderen von der Bühne in unsere Ohren purzelt, sind wir schon längst ins erste Tasting abgetaucht. Karin Eckert stellt gerade für Derksen die zuweilen streitbare, aber einen Gaumen nie kalt lassende Rebsorte Syrah in den Mittelpunkt. Von den sagenumwobenen Hermitage-Einzellagen bis hin zu den australischen Pyrenees unterzieht sie selbst geübte Gaumen einer Hochschaubahnfahrt mit Höhen und Tiefen. Die Winzertochter ist seit vier Jahren als Exportmanagerin für das renommierte Haus M. CHAPOUTIER in Tain LʼHermitage tätig und fordert jeden, der sich auf ein Tasting mit ihr einlässt.

Aber zurück zu Gerhard Retter. Während wir noch darüber nachdenken, ob Syrah vielleicht doch mehr Tiefe hat als gedacht, sorgt er für die nächste  Überforderung: Die Präsidentin des  Österreichischen Sommelierverbandes, Annemarie Foidl, und der bereits zweifache Sieger der Sommelier-Staatsmeisterschaft, Suwi Zlatic, liefern sich auf seiner Bühne einen Schlagabtausch über das perfekte Mindset, das es braucht, um zu den Besten der Sommelierszunft zu gehören.

„Schließlich“, sagt  sterreichs bester Sommelier, „ist dieses Business genauso hart, wie die Streif runterzufahren oder in der Formel-1 zu bestehen.“ Will heißen: Acht Stunden Training sind keine Seltenheit, sondern eher Alltag, wenn man ganz oben mitkosten will. Deshalb bereitet sich der Ehrgeizige auch schon auf die Weltmeisterschaften, für die er sich qualifizieren konnte, vor. Die finden 2023 in Frankreich statt. Bis dahin warte aber noch ein ganzes Stück harter Arbeit, erfahren wir.

Bloß kein versteifter Kost-Jargon

Weniger knallhart, stattdessen regelrecht spielerisch, präsentieren sich Rosa Besler und Mark Kiss in ihrer Keynote. Mit jugendlicher Unbeschwertheit – also mit losem, aber nicht minder versiertem Mundwerk – referieren sie über die hochkomplexe Materie namens Wein. Sätze wie „Jeder kann Sensorik“ oder „Ausreden, wie ,ich kann das, was ihr aus einem Glas Wein riecht, nicht nachvollziehen, ich rieche sowieso nichts oder ich dachte, Wein wird aus Trauben gemacht‘ lasse ich nicht durchgehen“, haben Besler und Kiss eine junge, coole Fangemeinde beschert. Beide eint die Tatsache, dass sie sich nicht von gro en Namen einschüchtern lassen. Leere Worthülsen, um nicht zu viel hinterfragen zu müssen? Ebenfalls Fehlanzeige. Und damit gibt das Duo einen Trend vor, der sich außerhalb der Flasche und der Gläser immer stärker bemerkbar macht: Versteifter Verkostungsjargon mit hölzerner Attitüde schmeckt für die junge weinaffine Generation genau so schal wie korkende Rebensäfte.

Was kann Wein ohne Alkohol?

Offensichtlich wird hier auf den WINE.DAYS jedenfalls, dass die Sommellerie genauso wie die Spitzengastronomie vor historischen Umbrüchen steht. Während in der Barszene der Trend rund um niedrigprozentiges Daydrinking Fahrt aufnimmt, spüren auch die Hüter edler Tropfen die Nachfrage nach alkoholfreier Getränkebegleitung. Master Sommelier Alexander Koblinger, seit 2016 Chefsommelier bei Andreas Döllerer in Golling sowie Service- und Qualitätsmanager für Döllerers Weinhaus in Kuchl bei Salzburg, weiß, was da an Alternativen aufgetischt werden kann. Also pr äentiert er nun mit akademischer Präzision, aber ohne erhobenen Zeigefinger, was alkoholfreier Sparkling Tea in Bio-Qualität aus Dänemark so alles kann.

Mir geht es nicht darum, möglichst mit richtigen Adjektiven zu brillieren. Mir geht es um eine schonungslose Selbstprüfung des Wissensstandes.
Sommelier Gerhard Retter über den Sinn seiner neuartigen Form der Weindegustation

Dass sich die darauffolgende Verkostung ausgerechnet rund um den Champagner von Charles Heidsieck dreht, ist nun übrigens kein lustiger Zufall. Die erste Verleihung der vinophilen ROLLING PIN-Awards steht an. Und da hat gleich ausgerechnet Alexander Koblinger allen Grund, mit einem Glas Charles Heidsieck anzustoßen: Unter tosendem Applaus wird der Spitzensommelier – dem in Japan übrigens der offizielle Titel Sake-Samurai verliehen wurde – doch glatt zur Nummer eins der Austrias 50 Best Sommeliers gekürt.

Ebenso berührend, die Verleihung des Titels Maitre des Jahres an Barbara Eselböck vom legendären Taubenkobel im burgenländischen Schützen am Gebirge. Auf die Bühne gerufen, holt die großartige Gastgeberin spontan ihre Eltern zu sich. Kulinarikgroßmeister Walter Eselböck und seine geniale Frau und Sparringspartnerin Eveline, die jahrzehntelang selbst schillernde Gastgeberin des Taubenkobels war.

Jetzt wird’s nachhaltig

Nur logisch, dass hiermit das Thema Nachhaltigkeit kredenzt wurde. Wir erinnern uns: Walter Eselböck war es, der Mitte der 1980er-Jahre den Begriff „Regionalität“ neu definierte. Lang bevor er übermäßig stark strapaziert wurde. Somit ist Barbara Eselböck aber eine von jenen, der man lauscht, wenn sie über den heute allseits gegenwärtigen Begriff „Nachhaltigkeit“ reflektiert. Und darüber, was dieser idealerweise auf der (Wein-)Karte und in Unternehmen generell bedeuten könnte. Dass im Taubenkobel Nachhaltigkeit kein scheinheiliges Marketingtool, sondern gelebte Tradition ist, muss nicht eigens erwähnt werden. Machen wir an dieser Stelle aber dennoch gern und bewusst.

Wine Days
„Sommelier und Gastgeber im Wandel der Zeit. Braucht ein modernes Restaurant noch einen Sommelier?“ Dieser Frage gingen Schloss Schauenstein-Sommelier Marco Franzelin sowie die beiden Sommeliers und Inhaber der Weinbar Mast in Wien, Steve Breitzke und Matthias Pitra, gemeinsam mit WINE.STAGE-Moderator Gerhard Retter (von links) nach.

Trinkt mehr Natur!

Passend dazu, das Plädoyer des großen André  Drechsel. Natürlich über sein Lebensthema – den Naturwein. In seinem Manifest „Naturwein heißt nicht trüb und stinkig“ macht uns der Tian-Sommelier auf entspannte und überraschend logische Art von der WINE.DAYS-Bühne aus klar, wie viele Dimensionen in einer Naturweinkarte stecken. Gerade am Beispiel des mehrfach ausgezeichneten Veggie-Restaurants zeigt sich die Macht eines thematisch durchdachten Weinangebots. Und im Falle von Drechsels akribisch ausgesuchten Weinen eben auch, wie elementar eine stimmige Weinkarte für das ganzheitliche Restauranterlebnis ist. Was da alles bei Drechsel zusammenkommt! Sein Fokus auf  österreichische Winzer bringt die nachhaltigkeitsorientierte Regionalit mit sich, unterstreicht aber auch die Tugend der engen Zusammenarbeit mit kleinteiliger Bio-Landwirtschaft. Und dann geht es eben auch um große Begriffe wie Respekt und Toleranz. Denn sie sind die pulsierenden Themen beim Entdecken von Naturweinen. Es geht darum, festgefahrene Dogmen hinter sich zu lassen, der Natur ihren Spielraum zu geben und ihr überraschende Kanten zuzugestehen. Glattgebügelt war gestern. Eine nächste Erkenntnis, die uns diese neue Wein-Expo mit auf den Weg gibt.

Enfant Terrible in Bestform

Doch ans Heimgehen denken wir noch lange nicht. Schließlich steht ein weiterer spektakulärer Name auf den Ankündigungsscreens in der Grazer Messehalle: Justin Leone. Und der ehemalige Tantris-Chefsommelier, der sich mit seinem einmaligen Know-how und charismatischen Service einst den Ruf des genialen Enfant terrible der Spitzensommellerie gesichert hatte, lässt allein schon beim Titel seines Talks keine Zweifel aufkommen: Dieser Mann hat nicht nur einen geschulten Gaumen, sondern vor allem eine ausnehmend geschärfte Zunge! Über „Spitzengastgeber oder Besserwisser-Wixer – die Sommelier-Pandemie“ will er reden. Schon nach den ersten Sätzen ist klar: Rosa Besler und Mark Kiss waren vorhin nur die Vorspeise, das ist jetzt der Hauptgang in Sachen Zwanglosigkeit. Kredenzt mit dem Vorschlaghammer. Bäm!

Kleines Länder-Duell

Weil uns nach Kontrastprogramm ist, schauen wir auch bei Gastronom Jakob Schönberger vorbei. Im von Spitzenköchen wie Tim Raue geschätzten Grazer Restaurant Laufke ist er dafür berühmt, winzerische Feldarbeit auf den Tisch zu zaubern. Dementsprechend widmet er sich heute den Weinen der Leithaberg-Region im österreichischen Burgenland. Zusammen mit hochrangigen Vertretern dieses wunderbaren Fleckchens Erde arbeitet er heraus, warum diese Weine mit ihrer einzigartigen Bodenstruktur von Muschelkalk und Glimmerschiefer weltweit derartig für Furore sorgen. Da darf natürlich Weinguru René  Kollegger um nichts nachstehen. Also demonstriert er in seinem WINE.TASTING, dass auch im ans Burgenland angrenzenden Bundesland der Alpenrepublik Weltklassewein gekeltert wird.

Wirklich spanned: Seine Erörterung über das Herkunftssystem der Steiermark. „Die steirischen DAC-Gebiete sind auch DAC-Gebiete, in welchen die Handlese der Trauben verpflichtend vorgeschrieben ist und in welchen die Orts- und Riedenweine im Vordergrund stehen“, hören wir noch. Dann zieht es uns doch weiter – schließlich will auf den WINE.DAYS auch gekostet werden.

Blindflug mit Klasse

Just ist es der Host Gerhard Retter selbst, der zum Tasting bitte. „Mir geht es nicht darum, möglichst mit richtigen Adjektiven zu brillieren“, gibt der 49-Jährige sogleich die Zielrichtung vor. „Mir geht es um eine schonungslose Selbstprüfung des eigenen Wissenstands!“ Das heißt, wer kostet, soll sich lieber Fragen stellen, die ihn langfristig besser machen. Etwa:„Warum liege ich richtig? Wo und warum liege ich falsch? Das sind doch genau die Fragen, die wirklich jeden Sommelier antreiben“, schwärmte Retter.

Deshalb plant die Sommelier-Legende auch, diese neue Art von Blindverkostung auszubauen. Sie als ganze Themenreihe anzubieten. Zum Beispiel mit unterschiedlichen Ortsweinen eines gleichen Jahrgangs aus der Südsteiermark. Oder einer einzelnen Lage, die von unterschiedlichen Winzern verarbeitet wird. Wie etwa Zöbinger Heiligenstein in der Wachau oder dem Ungerberg in Gols. Wie auch immer, wir sind jetzt jedenfalls abgefüllt – mit so vielen Informationen, dass unser Herz nur so lacht. Und wir uns auf die nächsten WINE.DAYS freuen. Zum Glück stehen diese schon wieder vor der Tür: Am 30. und 31. Mai 2022 ist es in Graz, am 11. und 12. September 2022 ist es in Berlin soweit!

Alle Infos sowie Early-Bird-Tickets: rollingpinconvention.com

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DIE WINE.DAYS
Die ersten WINE.DAYS fanden im Rahmen der ROLLING PIN.CONVENTION Austria in Graz statt. Durch die inspirierenden Talks, Vorträge und Tastings mit über 20 Topspeakern führte Sommelier-Legende Gerhard Retter. Mit Stationen wie Eckart Witzigmanns Aubergine, bei Frédy Girardet, Gordon Ramsay, Heinz Hanner und im Hotel Adlon Berlin hat der gelernte Koch, der als Kellner seine Liebe zum Wein entdeckte, das vinophile Gastgeber-Gen im Blut. Jetzt betreibt er das Kultlokal Cordo in Berlin. Die nächsten WINE.DAYS finden übrigens von 30. bis 31. Mai 2022 in Graz und von 11. bis 12. September 2022 in Berlin statt. Tickets sind im Vorverkauf erhältlich.

UNSERE PARTNER
Bester Dank an unsere Partner, ohne die die ersten WINE.DAYS nicht so großartig geworden wären: Gerhard Retter für die gekonnte Moderation, D llerer Weinhandelshaus GmbH und Kracher Fine Wine GmbH für edle Tropfen, Leithaberg DAC mit den Weingütern Bayer-Erbhof, Esterhazy, MAD, Pasler Martin, Sommer, Wagentristl und Zehetbauer. Natürlich auch L.DERKSEN für die großartigen Weine und Coravin, Zwiesel Kristallglas für die wunderbaren Gläser, Wein Steiermark mit gleich 17 großartigen Weingütern, Österreich Wein für gereifte Weine und Sekte, Morandell für die große Auswahl an herausragenden Champagnern von Charles Heidsieck, und, und, und …

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